„Anne Elliot“ von Jane Austen – Meine schwierige erste Begegnung mit einem Austenroman

Hallo liebste Buchmenschen,

wie ihr über die Monate bestimmt mitbekommen habt, lese ich innerhalb der Buchgruppe #readingclassics aller 2 Monate einen Klassiker. Dieses Mal fiel die Wahl auf den Jane Austen – Roman „Anne Elliot“ oder „Die Überredung“ oder „Die Kraft der Überredung“ oder englisch „Persuasion“. Gott, wie viele Titel kann eine Geschichte nur haben? Verrückt.

Heute werde ich ein paar Worte dazu verlieren. Wie ich mich kenne, wird das keine normale Rezension. Das liegt daran, dass ich eine hohe Erwartung hatte. Man muss Jane Austen doch vergöttern, oder? Ist sie nicht DIE Schriftstellerin ihrer Zeit gewesen? Über ihre Werke darf man doch gar nicht schlecht urteilen, oder?

Nun ja, schon mal vorweg: Ich bin eh keine Literaturkritikerin, die nach objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen ein Buch bespricht, sämtliche gesellschaftlichen und politischen Themen dieser Zeit einbezieht, um auf das einzig richtige Ergebnis zu kommen. Nö, bin ich nicht. Wer das erwartet, sollte diese Website schließen. Es geht um meine persönliche, subjektive, jedoch kritische Meinung, wie ich das Buch als Leseerlebnis empfand, ob mich die Story abgeholt hat, die Empfindungen der Protagonisten übergesprungen sind und ob ich überhaupt alles verstanden habe. Warum sage ich das? Weil man mir schon einmal näher brachte, dass ich sinngemäß keine Ahnung habe. Zumindest habe ich es so verstanden.

Hallo Jane, mein Name ist Tina und bisher habe ich keins deiner Bücher gelesen

Bin ich ein Kulturbanause? Eigentlich nicht, aber Klassiker lesen hat mir in der Schulzeit keinen Spaß gemacht und ich taste mich erst seit letztem Jahr wieder an die Thematik heran. Ansonsten bis ich begeisterter Leser des Feuilleton. Jane Austen ist mir natürlich ein Begriff, obwohl ich bis vor kurzem kein Buch von ihr gelesen habe.

Sie war ihrer Zeit weit voraus. Im 19. Jahrhundert Gebildet und unverheiratet zu leben, das kann man von den wenigsten Frauen dieser Zeit behaupten. Ich glaube auch, dass sie ein starkes Selbstbewusstsein hatte. Wie kommt man sonst mit 6 Brüdern und 1 älteren Schwester zurecht?

Jane Austens Romane werden bis heute in den schönsten Ausgaben verlegt und als Hollywood-Blockbuster verfilmt. Starke Frauenfiguren, die ihrer Zeit voraus waren, Dramatik, Gefühle und Familienbürden stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Wer lässt sich da nicht zum Lesen verführen? Ja, wahrscheinlich ich. Bis jetzt.

Kurzer Abriss, um was es sich in „Anne Elliot“ dreht

Die 27-Jährige Protagonistin Anne ist die mittlere Tochter eines Barons mit wunderbaren Eigenschaften wie Mitgefühl, Klugheit, Bescheidenheit und Verlässlichkeit. Leider ist sie das einzige Familienmitglied, dass all diese Eigenschaften vereint. Zudem heiratete Anne nie, obwohl sie 8 Jahre zuvor die Gelegenheit dazu hatte. Sie ließ ihre große Liebe, den Soldaten Wentworth, ziehen, weil ihr von dieser Ehe abgeraten wurde.

Nun erscheint Wentworth hochrangig und gut verdienend erneut auf der Bildfläche. In Anne toben widersprüchliche Gefühle mit denen sie sich aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht auseinandersetzen darf.

Leider bin ich durch Anne Elliot nicht auf den Geschmack gekommen

Das Erste, das ich in diesem Buch wirklich wahrnahm, waren die Schachtelsätze. W-O-W! Ich wusste gar nicht, das so etwas möglich ist und wie vielseitig ein Semikolon eingesetzt werden kann. Keine Ahnung, ob es an der deutschen Übersetzung lag, dass die Sätze eine Länge zwischen 10 und 20 Zeilen hatten. Ich musste sie teilweise zweimal lesen, um den gesamten Inhalt zu erfassen. Mein Lesefluss stockte, das war Herausforderung Nummer 1.

Herausforderung Nummer 2: Ich brauchte einen langen Atem. Umso länger die Sätze, umso umfangreicher jedes kleinste Fitzel-Detail. Ich gewann den Eindruck, dass der Erzählstil es sich zur Aufgabe gemacht hat, Situationen bis zur Vollendung zu erläutern. Streckenweise wollte ich einfach nur, dass es endet. Mir ist bewusst, dass die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts andere Regeln und Lebensweisen an den Tag legte, definitiv. Aber mir ist es Wurscht, wer in der Kutsche bei Regen fährt und für wen kein Platz mehr war und derjenige deswegen läuft. Ich fand, die Geschichte konzentrierte sich viel zu wenig auf die Protagonistin Anne selbst, sondern viel mehr auf ihre Umwelt und deren belanglose Probleme (Gott, ihre Schwester Mary, eine so nervenraubende Person). Das störte mich sehr, selbst wenn es auf Annes Selbstlosigkeit abzielte.

Dazu suchte ich die Liebesgeschichte zwischen Anne und Wentworth viele, viele Seiten lang und wurde erst kurz vor Schluss damit belohnt. Echt gemein.

Wie ich mit Jane meinen Frieden machte

Austens Wortwahl rettete für mich sehr viel. Die feine, ausgefallene Ausdrucksweise dieser Zeit ist absolut beeindruckend. Ich wünsche mir diese Form der Sprache nicht unbedingt zurück, jedoch wirkt sie wie Musik in meinem Kopf. Ich mag die Facetten der Wortwahl und das Gefühl in der Zeit zurückzureisen sehr gern.

Weiterhin mochte ich die Figur von Anne. Ja, sie lässt sich viel sagen und geht ebenso ihren Pflichten nach, obwohl es keiner schätzt. ABER sie ich sah wie reif sie seit ihrer Überredung geworden ist. Sie machte sich ihre eigenen Gedanken, ließ sich irgendwann nicht mehr hineinreden, genauso wie sie später endlich begann ihre eigenen Ziele endlich in den Fokus zu stellen. Anne ist ein guter, herzerwärmender Mensch, der sich nichts aus Rang und Namen macht, obwohl es so oft beschrien wurde. Übrigens ist sie dahingehend nicht die Einzige.

Die Moral von der Geschicht, die Austen anscheinend nicht nur hier nutzte, wenn man all ihre „reiferen“ Werke in Betracht zieht (bei Wikipedia nachgelesen): Schaut doch unter die Oberfläche in Herz und Seele statt auf den Titel. Damit kritisierte sie die bis dato vorkommende Vorherrschaft des Adels – und wir wissen, dass die Thematik des Zweiklassensystem nicht an Aktualität verliert. Weiterhin hat die Überredung in diesem Buch selten jemanden geholfen, dementsprechend ist die zweite Message ganz klar: Sei du selbst und lebe auch so! Selbstbestimmung ist ein wertvolles Gut, man sollte es sich nicht nehmen lassen.

Fazit:

Anne Elliot als Einstieg in die Welt von Jane Austen ist wahrscheinlich nicht die beste Wahl. Ich habe mir die Geschichte dramatischer und romantischer mit schlagfertiger förmlicher Konversation vorgestellt. Stattdessen war es ein umfangreiche Familiengeschichte.

3 von 5 Pfoten

Mit welchem bedeutungsvollen Autor ging es euch so, dass ihr schwer mit ihm warm wurdet?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

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6 thoughts on “„Anne Elliot“ von Jane Austen – Meine schwierige erste Begegnung mit einem Austenroman”

  1. Hallo Tina,
    als Jane Austen-Bewunderin muss ich natürlich sofort kommentieren und ich muss jetzt ehrlich sagen…. ich kenne diesen Roman von Jane Austen nicht
    Bezüglich der verschachtelten Schachtelsätze und der detailreichen und detailverliebten Beschreibungen muss ich gestehen, dass ich genau dies an Klassikern liebe, muss aber auch zugeben, dass ich oft paar Seiten brauche, um mich darauf einzustimmen und in den Flow zu kommen.
    Ich denke jeder Autor kann das ein oder andere seiner Werke als Flop bezeichnen, so wohl auch Jane Austen.
    Du hast mich jetzt aber definitiv neugierig auf diesen Roman gemacht und vielleicht geht er sich noch für mein Monatsspecial aus.

    Psst…was für eine wunderschöne Aussicht du hast

    Liebe Grüße aus Wien
    Conny

    1. Hi Cony,

      ja, mit dem Stil muss man wirklich erstmal warm werden. Aber so ein richtiger Lesefluss hat sich bei mir nicht sooo eingestellt.
      Ich bin gespannt, was du zu dem Buch sagen wirst.

      Liebe Grüße
      Tina

  2. Huhu 🙂

    Na da hast du dir aber wirklich keinen so guten Einstieg für Austen-Bücher ausgesucht. 😀 Romantisch-dramatisch mit grandiosem Schlagabtausch ist Stolz & Vorurteil – vermutlich deshalb auch das berühmteste ihrer Werke. Ich komme leider gerade nicht auf den Titel (Ich verwechsle sie so gern :D), aber auch die beiden anderen Austen die ich gelesen habe, waren klasse. Diesen hier kenne ich hingegen noch gar nicht. Ich glaube, ich werde aber jetzt auch bald mal wieder einen Roman von Austen oder auch Bronte zur Hand nehmen 🙂

    Liebe Grüße
    Lisa

    1. Hey Lisa,

      naja, ausgesucht ist gut. Die Lesegruppe hat abgestimmt, es war also eine gemeinsame Entscheidung.
      Die anderen Werke von Jane Austen war allen schon ein Begriff, deswegen fielen diese nicht als Vorschlag in die Abstimmung.
      Ich werde mich später noch an „Stolz & Vorurteil“ versuchen.

      Liebe Grüße
      Tina

  3. Schachtelsätze sind ja so eine Sache, in meinem Studium komme ich ständig mit diesen in Verbindung, teilweise habe ich das Gefühl, dass sich besonders Theoretiker gerne absichtlich unverständlich ausdrücken. Zumindest habe ich dadurch jetzt, zumindest in der Literatur, weniger Probleme mit Schachtelsätze, da werden zumindest dann nicht noch zehn Fremdwörter rein geworfen.
    Das von dir vorgestellte Buch kannte ich bisher von Jane Austen nicht, von der ich bisher Verstand und Gefühl sowie Stolz und Vorurteil gelesen habe. Bei Verstand und Gefühl sind mir die Schachtelsätze mehr aufgefallen und es gab viele Beschreibungen der Gedanken und Gefühle sämtlicher Personen, dass ich oft aufpassen musste nicht den Faden zu verlieren.
    Ans Herz legen kann ich dir daher als Klassiker Einstieg Stolz und Vorurteile, da kommt man deutlich besser rein und es lest sich sehr gut lesen, vielleicht liegt es darin, dass man dort die Geschichte schon genauer kennt. Auf jeden Fall ein schönes Buch.

    Alles Liebe
    Nadine

    1. Liebe Nadine,

      „Anne Elliot“ ist auch nicht wirklich bekannt geworden und sagte mir bis ich es gelesen hatte auch nicht viel.
      Ich werde „Stolz und Vorurteil“ wirklich lesen. Ihr legt es mir einfach so sehr ans Herz 🙂

      Ich wünsche dir noch schöne Feiertage.

      Liebe Grüße
      Tina

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