„Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ von Ava Reed – Nehmt die Panik in ihren Augen ernst

Ein schönes Wochenende bookish People,

ich hoffe, ihr genießt es trotz des Wintereinbruchs. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber für Outdooraktivitäten ist heute eh keine Zeit. Vielleicht morgen, wenn in Leipzig die Marathonläufer ihr Bestes geben und den Hundespaziergang zu einen kleinen Abenteuer machen. Eine Rezension habe ich heute dennoch für euch, denn der ist das Wetter bekanntlich egal.

Ava Reed lässt mich in die Seele der Protagonistin Leni sehen

Allgemein:

Die deutsche Autorin Ava Reed hat die Leser mit „Die Stille meiner Worte“ bereits in ihren Bann gezogen. Nun erschien 2019 ihr persönlichster Jugendroman „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ bei Ueberreuter und erzählt die Geschichte von Leni, die mit ihrer besten Freundin Emma ihr letztes Schuljahr beginnt und für den sportlichen Tim schwärmt, obwohl sie selbst nichts mit Sport anfangen kann – eine ganz normale Jugendliche eben. Doch von jetzt auf nachher gerät ihr Leben aus den Fugen. Schwindel, Übelkeit und Ängste überfluten sie. Leni kann es sich selbst und niemand anderem erklären. Was ist mit ihr los? Warum kann sie nicht einfach wieder die alte Leni sein? Sie läuft bis zur Diagnose einen zähen Marathon: Sie leidet unter Angststörungen und Depressionen.

Mein Bild:

Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass ich nicht schon seit der Ankündigung auf das Buch gewartet hätte, die „Die Stille meiner Worte“ war schließlich mein persönliches Buchhighlight 2018.

Trotzdem bin ich nicht gleich bei Erscheinung von „Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ in den Buchladen gerannt. Warum? Weil ich wusste, dass Ava mich in die Tiefen von Trauer, Angst, Leere, Dunkelheit und Einsamkeit führt. Es ist keine leichte Kost. Wie sie es trotzdem immer wieder schafft, dass der Schreibstil flüssig, verständlich und bildlich bleibt, ist mir ein Rätsel. Ich habe einfach einen riesigen Respekt davor, wie persönlich sie die Geschichten erzählt und niemals die Hoffnung als Licht am Ende des Tunnels vergisst.

So wunderschön romantisch das Cover wirkt und der Hingucker schlechthin ist, passt es eher zu einer Liebesgeschichte und das ist das Buch für mich definitiv nicht. Es ist die Geschichte vom Kampf um ein normales Leben, den Kampf gegen eine innere Dunkelheit, die einen zu verschlingen droht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich die Beschreibungen in diesem Buch gepackt haben. Ich konnte Leni in die Seele schauen, ich habe sie verstanden, obwohl ihre Umwelt sie nicht verstanden hat. Das war faszinierend und dramatisch zugleich. Natürlich kann man das Krankheitsbild bzw. den Verlauf der Protagonistin nicht auf jeden überstülpen, der mit Angststörungen, Depressionen oder Panikattacken zu kämpfen hat. Genau das erläutert die Autorin bereits in ihrem Vorwort, gibt eine Triggerwarnung, appelliert um mehr Verständnis und Respekt anstatt eine Krankheit als Nichtigkeit oder Übertreibung abzutun. Ich finde, die Geschichte erreicht das auch.

Das Eintauchen in Lenis „Welt“ wird durch ihre Tagebucheinträge in „Emma Junior“ unterstrichen. Ava Reed gestaltete diese Seiten selbst und „gestaltet“ ist genau das richtige Wort, da verschiedene Letteringarten, Zeichnungen und damit Emotionen eingebettet sind. Ich mochte Leni von Anfang an. Zu Beginn noch eine fröhliche junge Frau, die morgens zu lange braucht, um in den Gang zu kommen, Gegenständen (wie ihrem neuem Tagebuch) Namen gibt und am liebsten die Zeit mit ihrer besten Freundin verbringt. Der Bruch war dann enorm! Ich erkannte sie kaum wieder. Sie wurde Stück für Stück zu einem Häufchen Elend und das ließ mich wirklich schlucken. Ich dachte einfach nur, „Warum hilft ihr denn keiner?“ und war umso erstaunter, dass sie kämpfte. Ich fieberte mit ihr mit und brauchte eigentlich keinen Typen, der im Endeffekt wieder alles rettet. Ich habe mir gewünscht, dass sie es selbst schafft.

Der Typ kam trotzdem und ich finde ihn toll! Matti. Und was Leni zu viel an Gefühlen hat, hat Matti zu wenig. Denn er fühlt keinerlei Schmerz. Ja, richtig, er könnte die Hand auf die heiße Herdplatte legen und merkt rein gar nichts. Böse, aber auch diese Krankheit existiert, wenn auch selten. Seine schwungvolle, manchmal vor Sarkasmus triefende Ich-Perspektive schafft eine riesige Abwechslung zu Lenis Sicht. Mattis wahnsinnig behütetes Leben ist zudem der pure Gegensatz zu Lenis, zumindest bis sie krank wurde. Wie konnten die Beiden sich nur näher kommen?

Tja, und genau da ist der Casus Knacksus im Plot. 200 Seiten lang passiert in der Geschichte nicht sooo viel an Handlung und das fand ich auch nicht schlimm. Lenis täglicher Kampf, die vielseitigen Nebencharaktere und Mattis Sicht der Dinge sind schon intensiv genug. Aber nein, auf den letzten 100 Seiten wird ein Roadmovie inklusive dem Quäntchen Glück daraus gemacht. Einerseits wunderschön, andererseits ging alles viel zu leicht von statten. Ich bin sicher Ava Reed wollte zeigen, wie Leni und Matti über die Grenzen ihrer Krankheit zusammen agieren. Dennoch ist mir das zu weit her geholt und ging zu lange gut.

Der Abschluss holte mich und die Protagonisten glücklicherweise wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Jedoch mit einem Lächeln auf den Lippen, so wie von der Autorin im Vorwort gewünscht.

Fazit:

Ein Jugendroman mit heftigen Emotionen und Wendungen. Die Storyline zeigt auf, wie lebenswert das Leben sein kann, solange man dafür kämpft. Allerdings weicht der Plot zum Ende hin arg vom Ursprung ab.

4 von 5 Pfoten

Emotionen gehören in jedes Buch. Was ist euch noch wichtig? Was muss eine Geschichte unbedingt haben oder rüber bringen?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

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2 thoughts on “„Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen“ von Ava Reed – Nehmt die Panik in ihren Augen ernst”

  1. Liebe Tina, ich habe das Buch ja schön öfters gesehen und bin doch happy das es dir gefallen hat 🙂 Hast du eigentlich schon mehr Bücher von Ava Reed gelesen? Sie ist ja ziemlich jung als Autorin oder?

    1. Hi Elizzy,

      ja, Avas Schreibstil nimmt mich immer wieder mit. Ich mag das sehr.
      Tatsächlich habe ich nur noch „Die Stille meiner Worte“ gelesen.
      Aber Ava bringt demnächst eine Fantasygeschichte bei Loewe raus und das Buch landet bestimmt auf meine Wunschliste.
      Ich glaube, sie ist Mitte oder Ende 20.

      Liebe Grüße
      Tina

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