„Sturmhöhe“ von Emily Brontë – Drama, Baby, grausames Drama

Guten Abend meine Lieben,

morgen ist der 4. Advent, übermorgen ist Heiligabend und in einer Woche bereiten wir uns fast schon auf 2019 vor. Was für ein Jahr. So erlebnisreich wie fast keines. Mal sehen, ob ich es schaffe, einen Rückblick zu schreiben und zeitgleich einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Doch zunächst gibt es die letzte Rezension vor Weihnachten um die Ohren. Dieses Mal ein Buch aus dem #readingclassics – Buchclub, indem ich gemeinsam mit einigen Bloggern alle 2 Monate einen Klassiker lese. „Sturmhöhe“ war ja so ein Ding für sich:

Wie mich die Protagonisten den letzten Nerv kosteten oder auch toxische Liebe in einem anderen Jahrhundert

Allgemein:

Im Englischen kennt man den literarischen Klassiker unter „Wuthering Heights“, der Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals veröffentlicht wurde. Emily Brontës einziger Roman stieß zu damaliger Zeit auf Ablehnung, doch heute gehört er zu den allgemein bekannten Werken dieser Zeit. Es existieren zig Auflagen dieses Buches, wie beispielsweise die 2014 erschienen Sonderauflage aus dem dtv-Verlag. Inhaltlich begleitet der Leser zwei auf dem Land lebende, wohlhabende Familien über mehrere Generationen hinweg. Besonderes Augenmerk bekommen dabei der, von den Earnshows adoptierte, Heathcliff und die Tochter des Hauses Catherine. Von Kindesbeinen an, sind die Beiden die besten Freunde. Bis sie älter werden und beginnen Gefühle füreinander zu hegen. Jedoch entscheidet sich Catherine nicht für den mittellosen Exoten Heathcliff, sondern heiratet den Erben von Thrushcross Grange Edgar Linton. Wird sich Heathcliff damit zufrieden geben oder um Catherine kämpfen?

Mein Bild:

Da lagen sie also vor mir: 450 Seiten Seiten mit klein gedruckter Schrift. Kompakt verpackt in einem von bläulich-goldenen Stoff ummantelten Hardcover. Wirklich hübsch anzusehen dieser Retroschick. Allerdings ist es ein echt dickes Buch. Vielleicht hätte man ein größeres Format wählen sollen, damit es schmaler ausfällt.

Schon mal vorab, ich bin kein großer Klassiker-Fan. Mir war zu Schulzeiten schon „Romeo und Julia“ ein Graus. Ich kann bis heute nicht wirklich verstehen, warum so viele Menschen darauf schwören. Man kann sich also denken, dass ich jetzt nicht freudestrahlend aus dem Buchladen gekommen bin, weil ich „Sturmhöhe“ in meinen Händen hielt. Doch darauf fiel nun mal die Wahl in einem privaten Buchclub. Also, was soll´s. Ich wusste so gut wie nichts über die Story. Ich stellte mir eine schnulzige, langatmige Lovestory im Großbritannien des 19. Jahrhunderts vor, mehr nicht. Kurz gesagt, ich habe mich geirrt.

Dafür, dass das Buch vor knapp 200 Jahren erschien, empfand ich den Schreibstil als recht modern und flüssig zu lesen. Ich verstand alles, Fremdwörter waren kaum dabei und die biblischen Anekdoten wurden sogar über Erläuterungen am unteren Seitenrand erklärt. Ich bin dennoch von der Rechtschreibung irritiert gewesen. Wer die Rechtschreibung noch mit „daß“ kennt, wird hier auf seine Kosten kommen, denn „dass“ gibt es nicht. Es wurde tatsächlich eine Übersetzung mit, ich nenne es mal, einer älteren Varianten der deutschen Rechtschreibung genutzt. Woran das liegt? Wenn ich es richtig deute, hat dtv diese Übersetzung schon einmal 1997 veröffentlicht, noch vor „dass“…

Die Geschichte wird aus zwei Ich-Perspektiven erzählt. Zum einen von dem Pächter Lockwood, einem charmanten, ruhigen Typen, der 1801 die Ruhe auf dem Lande sucht. Und zum Anderen von der Hauswirtschafterin Nelly Dean, die ihr ganzes Leben auf dem Grund und Boden von Wuthering Heights und Thrushcross Grange verbracht hat. Nelly ist übrigens die einzige Protagonistin, die mir sympathisch ist! Sie hat das Herz am rechten Fleck und handelt mit Vernunft.

Im Gegensatz zu den restlichen Protagonisten. Ich sage es frei heraus, die sind alle durchgeknallt. Aggression, Gewalt, Naivität, Überschlagshandlungen und Kaltblütigkeit stehen an der Tagesordnung. Selbst als Kinder sind Heathcliff und Catherine mit allen Wassern gewaschen, haben nur Unfug im Kopf und harmlos ist davon das Wenigste. Ich war schockiert! Im Ernst, zu dieser Zeit ging es doch streng zu, der liebe Gott stand über allem, aber diese Kids machten sich überhaupt nichts daraus.

Catherine ist eine absolut naive und hysterische Person. Sie nervte mich mit ihren Allüren, ich konnte sie nicht ernst nehmen. Es gab nur einen Punkt, an dem ich sie für verantwortungsbewusst hielt und das war, als sie sich klischeemäßig für eine Vernunftheirat entschied. Ansonsten kam bei ihr nicht wirklich Spannung auf, sie ist einfach ein recht oberflächlich gestrickter Charakter.

Das kann man von Heathcliff nicht sagen. Wenn er am Zug war, wusste ich nicht, was passieren würde. Er musste sein ganzes Leben um Akzeptanz kämpfen. Er war ein Außenseiter, schon wegen seines dunkleren Hauttons und der schwarzen Haare. Aber überraschenderweise hat er es geschafft mehr zu sein als alle erwarteten. Klug, in der Öffentlichkeit stets vornehm, jedoch hinter der Fassade voller Wut, Gewalt und Aggression. Seine Kaltblütigkeit verschaffte mir beim Lesen Gänsehaut. Er zieht im Geheimen die Fäden und lenkt das Geschehen. Seinetwegen gab es Plott-Twists, an die ich nie gedacht hätte. Irre, wenn ich bedenke, dass ich den Weg der Beiden über Jahrzehnte begleite.

Die Zeitangaben waren auch so eine Schwierigkeit. Manchmal gab es Jahreszahlen, dann sprach man wieder von diesen und jenen Jahren später oder bezog sich auf Jahreszeiten. Teilweise waren die Zeitsprünge riesig und als die Kinder auch noch wie die Eltern bzw. Verwandten hießen, hatte ich verloren! Ich musste oft nachrechnen, weil ich mir nie ganz sicher war, wie viel Zeit genau vergangen war. Meine Erleichterung war groß, wenn das aktuelle Alter der Protas bekannt wurde oder der am Anfang des Buches abgebildete Stammbaum mir zu Hilfe eilte. Zum Nachdenken gab es dahingehend genug.

Das Ende hat mich teilweise überrascht und war angemessen für dieses Drama! Mal abgesehen von Heathcliff waren die anderen Haupt- und Nebendarsteller einfach zu durchschaubar. Ich bin froh, zu diesem Klassiker jetzt etwas sagen zu können, auch wenn er doch wirklich etwas Verstörendes an sich hat.

Fazit:

Spannend, dramatisch und irre kaltblütig. Für Leser, die vom 19. Jahrhundert mehr erwarten als romantische Liebesszenen auf englischen grünen Wiesen.

3 von 5 Pfoten

Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass meine Meinung zu diesem viel geliebten Klassiker anders ausfällt. Mich würde eure Meinung interessieren? Verbindet ihr mit „Sturmhöhe“ grandiose Lesestunden oder ist es ein anderer Klassiker, der euer Herz höher schlagen lässt?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

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4 thoughts on “„Sturmhöhe“ von Emily Brontë – Drama, Baby, grausames Drama”

  1. Hallo Tina,

    Sturmhöhe (Wuthering Hights) will ich auch noch lesen. Das Buch liegt schon seit Längerem auf meinem SuB, aber ich tue mir immer schwer mit Klassikern anzufangen. Ich nehme mir jedes Jahr vor den einen oder anderen zu lesen, aber meistens erschlägt mich dann die Masse der anderen Bücher, die ebenfalls auf dem Stapel liegen. Vielleicht klappt es ja in 2019 besser. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer zuletzt.

    Viele Grüße
    Jay von „Bücher wie Sterne“

    1. Hey Jay,

      ich verstehe, dass es dir schwerfällt, mir ging es ähnlich.
      Klassiker gehören dazu, deswegen finde ich es gut, dass du die jedes Jahr vornimmst den ein oder anderen zu lesen.

      Viele Grüße Tina

  2. Schade. Wer sich mit Klassikern beschäftigt, sollte dazu einen Zugang haben. Sollte sich auch mit der Zeit beschäftigen, um zu verstehen, was dort dargestellt wird. Es ist ja gerade der Konflikt zwischen dem unbändigen Selbstbestimmungswillen der Protagonisten und den gesellschaftlichen Zwängen, der die Dramatik dieses Klassikers ausmacht. Das war es auch, was die Bronte-Schwestern so anecken ließ in dieser Zeit. Wer das alles nicht weiß und stattdessen einen langatmige schnulzige Story hinter einem Klassiker vermutet, sollte die Finger von Klassikern lassen oder besser keine Rezension schreiben.

    1. Hallo Herr Schneider,

      danke für Ihre ehrliche Kritik.

      Mir ist bewusst, dass die Bronte-Schwestern mit ihren Werken damalige gesellschaftliche Normen infrage stellten. In diesem Punkt liege ich bei Ihnen.
      Jedoch habe ich meine Kritik bezüglich der Dramatik, sowie der Darstellung von Hysterie und Gewalt, die ich auch äußere.
      Genauso wie ich meine Erwartungen ansprechen und auch widerlegen kann. Denn es war keine langatmige schnulzige Lovestory.

      Ich werde weiterhin Klassiker lesen, rezensieren und mich dazu austauschen .
      Es lebe die Meinungsfreiheit.

      Viele Grüße & frohe Weihnachten
      Tina

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