„Charlotte & Ben“ von Erin Entrada Kelly – besonders, ein wenig seltsam, aber eine Freundschaft?

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Liebste Buchmenschen,

nun habe ich doch tatsächlich den Welttag des Buches verpasst und keinen Beitrag online gestellt. Schande über mein Haupt! Andererseits weiß ich, dass die Buchcommunity nicht vergisst und genügend Aktionen gelaufen sind. Nichtsdestotrotz ist heute ebenso ein guter Tag, denn es ist Samstag, yeah. Ich werde mich dieses Wochenende treiben lassen und keiner großen Verpflichtung nachkommen. Macht es mir nach und genießt die Zeit.

Bevor es soweit ist, möchte ich euch allerdings ein Büchlein vorstellen. Wie so oft, weiß ich noch nicht genau, was meine Finger auf der Tastatur fabrizieren werden, aber ich hoffe, dass ich euch das Buch damit näher bringen kann:

2000 km Entfernung, Scrabble, Veränderungen, aber sind Ben & Charlotte wirklich Freunde?

Allgemein:

Erin Entrada Kelly ist in Deutschland keine Unbekannte. Ihr Jugendbuch „Vier Wünsche ans Universum“ erhielt 2019 den Deutschen Jugendliteraturpreis und nun legt sie 1 Jahr später mit einer neuen Geschichte bei dtv nach. In „Charlotte & Ben“ dreht es sich um die beiden titelgebenden Protagonisten, die sich über ihre Leidenschaft, dem Online Scrabble kennenlernen. Ein persönliches Treffen scheidet für die beiden angehenden Teenager allerdings aus, denn sie wohnen 2000 km voneinander entfernt. Jedoch teilen sie, mehr oder weniger bewusst, nerdige Gedankengänge, Familienprobleme und die Möglichkeit sich online anders zu geben als in der Realität. Doch manchmal ist der Nickname online nicht das wirkliche Leben.

Mein Bild:

Aus etwas über 200 Seiten besteht dieses hübsch, aber irgendwie auch simpel aufgemachte Hardcover. Farbe und Symbolik sprechen mich hier mehr an als das so oft vorkommende Glitzer oder Prägungen. Zudem enterte mich der Klappentext. Zwei hochbegabte Kids, die sich über eine große Entfernung anfreunden und zusätzlich noch mit den eigenen Problemen rumschlagen müssen. Ich erwartete keine Spannung oder ein Abenteuer, aber eine tiefer gehende Freundschaft. Es sei so viel verraten: Das traf es nicht wirklich, aber dazu gleich mehr.

Die inhaltliche Einteilung überraschte mich beim Durchblättern. Mir war bewusst, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit zwei Handlungssträngen bzw. den zwei Protagonisten folgen werde. Nur der Zeitraum erschien mir zu kurz. Gerade mal knapp eine Woche vergeht im Buch – das zeigte mir vor Beginn des Lesens bereits ein Inhaltsverzeichnis. Reicht das, um die Beiden kennenzulernen? Mir ihre Welt näher zu bringen? 200 Seiten sind nicht viel. Meine Skepsis verflog zumindest Schritt für Schritt, trotz des simplen Schreibstils, der immer nur den Augenblick aufnahm. Ich hatte oft das Gefühl, dass mir der Blick auf die Umgebung fehlte, als würde ich noch etwas verpassen.

Die weibliche Protagonistin Charlotte hat es mir jedenfalls nicht leicht gemacht. Ihre personale Perspektive wirkte kühl, teilweise abwesend oder abgelehnkt von den Schwerpunkten einer Situation. Sie verkroch sich in ihren „Kaninchenbau“, der übrigens als Einleitung in die Kapitel eine wichtige Rolle spielt und mich nicht nur mit Wissen abseits meiner bisherigen Googlesuchen versorgte. Charlotte ist mit ihren 12 Jahren nicht das typische Mädchen. Das fällt besonders auf, wenn sie mit ihrer frühreifen Freundin Bridget unterwegs ist. Ebenso wird sie mit der Situation eines schwer erkrankten Elternteils konfrontiert. Ich gebe offen zu, dass ich Probleme hatte, ihren Umgang mit der Situation zu verstehen, mich in sie hineinzufühlen. Nüchtern und Klug in emotionalen Momenten zu bleiben ist mir eben fremd. Im Verlauf der Storyline fiel bei mir dann doch der Groschen, genauso wie bei Charlotte. Es geht darum, dass es nicht schlimm ist, wenn sich Wege irgendwann trennen, weil man sich in eine andere Richtung entwickelt. Veränderungen gehören zum Leben, man kann darüber trauern oder auch froh sein. So einfach ist das, eigentlich. Mir hat die Umsetzung dieser Punkte gut gefallen.

Trotzdem mochte ich Ben lieber. Der 11-Jährige steht auf Harry Potter, natürlich ist sein Haus Ravenclaw, denn der junge Kerl strotzt nur so vor Intelligenz und Behaarlichkeit (wie Charlotte). Er kam mir oft vor wie ein kleiner Wissenschaftler oder Politiker. Sicherlich hing das vor allem damit zusammen, dass er sich urplötzlich für schulische Aktivitäten außerhalb des Unterrichts interessiert. Es ist seine Rebellion gegen die „Devolution“ seiner Eltern. Denn auch er merkt, dass er nicht alles in seinem Leben unter Kontrolle behalten kann. Eine Veränderung, die ihn verändert und die Augen öffnet. Bens Emotionen spürte ich viel deutlicher, obwohl er sie versuchte zu unterdrücken. Es waren die Trotzreaktionen eines Kindes, dass eine neue Situation nicht wahrhaben will. Genauso ignoriert er tatsächlich die Mobbingattacken seiner Mitschüler und das tat mir im Herzen weh.

Ich fand es schade, dass beide Handlungsstränge nicht wirklich zusammengeführt werden. Zumindest nicht physisch. Die Message hingegen vereint beide Protagonisten. Beide lernen, dass das Ausblenden von Problemen nicht hilft, dass es ok ist, Dinge nicht gut zu finden und das auch auszusprechen. Das es ok ist, man selbst zu sein, sogar verdammt ok!

Trotzdem sehe ich die im Klappentext angesprochene Freundschaft zwischen den Charlotte & Ben nicht wirklich. Sie telefonieren einige Male kurz miteinander, lügen sich sogar zum Schein an. Auf mich wirkt es wie eine Bekanntschaft, deren Geschichten unabhängig vom Handeln des Anderen weiter bestehen kann. Man hätte ebenso gut ein Buch über Charlotte und ein Buch über Ben schreiben können, aber wie vorher erwähnt geht es hier nicht um eine physische Zusammenführung, was es wieder zu etwas Seltsamen und irgendwie Besonderem macht.

Fazit:

Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt und nur im geringen Maße Abenteuer verspricht. Für Teenager, die anfangen sich zu fragen, wer sie sind und ob das für sie ok ist. Für junge Leser ab 11 Jahren mit Hang zum Nerdigen.

3 von 5 Pfoten

Freundschaft auf Distanz? Ist das gut möglich? Für immer? Was sagt ihr?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

*Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meimung bleibt davon unberührt.

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