„Wie sagt man ich liebe dich“ von Claudia Winter – 2 besondere Liebesgeschichten zu verschiedenen Zeiten und Orten

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Hello bookish People,

Samstagmittag, die Temperaturen haben Dank eines richtig schönen ausgiebigen Regens endlich angenehme Ausmaße (obwohl, ein bisschen schwül ist es schon) angenommen. Ich werde nachher noch eine Spätschicht vom Home Office aus antreten, aber ich hoffe trotzdem, dass ich davor noch diese Rezension fertig bekomme. Das Buch erreichte mich seitens des Verlages völlig unverhofft, doch ich muss sagen, hätte ich es nicht gelesen, wäre mir ein superschöner Sommerroman entgangen. Dankeschön an den Goldmann-Verlag!

Der Ausdruck der Welt in Farben, Bildern, zwei Städten und zwei Liebesgeschichten

Allgemein:

Claudia Winters Romane passen zu der Jahreszeit, in der sie erscheinen. Genauso hier bei „Wie sagt man ich liebe dich“. Goldmann veröffentlichte das Buch im Juni 2020 und erzählt damit die Geschichte der jungen Pariserin Maelys, die sich als Tellerwäscherin und Straßenkünstlerin ihren Unterhalt verdient statt an einer anerkannten Hochschule zu studieren. Ein ungeahntes Angebot könnte sie daraus befreien und so macht sie sich auf nach Lissabon, inklusive ihrer zeternden Tante Valerie, um für ihren Auftraggeber Antonio de Alvarenga ein Porträt zu malen. Doch der Großvater hält nichts davon porträtiert zu werden und damit beginnt eine Achterbahn der Gefühle – nicht nur zwischen Antonio und Maelys.

Mein Bild:

Ein unscheinbares Klappenbroschur mit knapp 460 Seiten Geschichte, passenden französischen und portugiesischen Rezepten, sowie ein Glossar mit portugiesischen Begrifflichkeiten, die innerhalb des Romans fallen. Ich sage bewusst unscheinbar, weil das Cover mit seiner zitronigen Farbe und dem flatterkleidigen Mädchen zwar zeigt für welche Jahreszeit der Schmöker geeignet ist. Doch ganz ehrlich, es passt absolut nicht zur Geschichte. Leider. Total schade. Wenn ihr mich fragt, dann wäre eine junge Frau in einem senffarbenen Mantel angesagt, vielleicht eine Staffelei noch dazu, im Hintergrund in leicht zurückgehaltenen Pastellfarben Hinweise auf Paris und Lissabon, von mir aus Sehenswürdigkeiten oder ähnliches. Es gäbe so viele Möglichkeiten. Auch ein Wink auf Coco Chanel wäre gut gewesen. Ok, vielleicht sollte ich erklären, wieso: Weil diese Dinge bzw. Aspekte eine Rolle spielen. Nicht Zitronen und ein blaues Kleid.

Die Autorin ist mir auf Social Media mit ihren Romanen öfter begegnet, doch keines ihrer Bücher hatte es bisher in mein Regal geschafft, derweil hat ihr Schreibstil so etwas Persönliches, Emotionales und Verständliches. Sie schafft es Charakterzüge prägnant in die verschiedensten personalen Perspektiven zu packen und mir die Personen nahe zu bringen.

Noch dazu ist dieses Buch eine persönliche Angelegenheit. Die Widmung „Für Mama und Papa.“ sagt es bereits aus. Claudia Winters Eltern sind gehörlos, ebenso wie die Protagonistin Maelys. Man kann hier also schon von Own Voice sprechen. Es ist so toll, wie die Autorin die Lautsprache beschreibt und integriert, wie Farben und Gerüche eingearbeitet werden, überhaupt wie der Alltag eines gehörlosen Menschen sein kann. Mir wurde vermittelt, welche Probleme das sprachliche Mittel Ironie bereiten kann oder wenn Menschen ihre Lippen beim Sprechen kaum bewegen. Maelys ist ein authentischer Charakter und noch viel mehr. Ich mag sie sehr. Trotz ihres Handicaps ist sie voller Liebe und Freundlichkeit gegenüber anderen Menschen. Doch Geldsorgen, Zweifel an ihrem künstlerischen Talent und ihre Hilfsbereitschaft lassen sie ihre eigenen Wünsche zurückstecken. Bis sie ein Angebot bekommt, dass sie raus aus dem kulturellen, schnelllebigen Paris rein in das genießerisch-erfrischende Lissabon führt.

Doch es ist nicht nur Maelys Geschichte. Denn eigentlich wird der Prolog aus einer völlig anderen Sicht erzählt. Nämlich von dem über 70-jährigen Portugiesen Eduardo, der aus einer spontanen Reaktion heraus eine Reise nach Paris unternimmt und alten Erinnerungen nachhängt, die ihn seit Ewigkeiten umtreiben. Ich wusste sofort, das kann nur eine alte Romanze sein, besonders als er Maelys begegnet. Doch so richtig rückt der alte Herr nicht mit der Sprache heraus. Stattdessen lerne ich seinen Enkel Antonio kennen, der die wahnwitzige Idee seines „Vovo“ (Großvater) umsetzen darf, die junge Künstlerin nach Lissabon zu holen. Die Dialoge dieser Zwei habe ich sehr gerne verfolgt. Kennt ihr das? Wenn ihr genau wisst, wie ihre Situationen mit bestimmten Menschen angehen müsst, um dieses oder jenes zu bewirken. So ähnlich ist das bei den beiden temperamentvollen Portugiesen Antonio und Eduardo. Ich fand sie beide witzig, smart, charmant, aber nicht perfekt. Das sind Zwei, mit denen würde ich gern einen Abend verbringen, natürlich mit einem Glas Wein dazu, versteht sich.

Nicht ganz so ging es mir mit Nummer Vier im Bunde. Maelys alte Tante Valerie Aubert. Divalike, absolut geldverschwenderisch, eine Lebefrau und Spaßprotestlerin. Eigenschaften, die man entweder bewundert oder nur mit den Kopf schütteln muss, wenn man sie nicht kennt. Bei mir war es das Letztere. Das änderte sich jedoch im Verlauf, denn ich springe nicht nur zwischen den Vieren hin und her, nein, auch in der Zeit. Denn Valeries Geschichte, mit Beginn in den 60ern, als sie aus der dörflichen Bretagne nach Paris „flüchtet“, spielt eine weitreichende Rolle. Ich kann ohne wenn und aber sagen, mir war nie langweilig, ich fand es immer aufregend und spannend, jedem zu folgen, zu jeder Zeit. Valeris Entscheidung nach Paris zu gehen, die Begegnung mit dem jungen Frederico Almeida, die Arbeit in einem renommierten Hotel und zahlreiche wunderbare Nebendarsteller, ebenso wie die Position der Frau zur damaligen Zeit waren mindestens genauso interessant wie Maelys und Antonios Zuneigung zueinander oder Eduardos Geheimnis zu entschlüsseln.

Keine Ahnung, wie die Autorin das gemacht hat, dass die Abschnitte der Gegenwart und der Vergangenheit so gut ineinander übergehen und ich mich sehr lange gefragt habe, wie das große Ganze zusammenhängt. Zum Teil lag ich richtig mit meinen Vermutungen, doch die Ursachen waren dann größerer bzw. sehr emotionaler Natur. Und das verpackt in ganz vielen richtigen Botschaften und hängen bleibenden Worten. Ich wurde überrascht, politisch gebildet, kulturell „geschockt“, habe gelacht, mitgefühlt und mich fallen gelassen ohne den Überblick zu verlieren. Sicherlich sind Zeit-, Ort- und Personenangaben hier eine große Hilfe gewesen – keine Frage.

Passend eingearbeitet wurde die Atmosphäre der beiden Städte, deren Menschen, die Unterschiede, die Gemeinsamkeiten (besonders der gute Kaffee), die politischen Gegebenheiten zu früherer Zeit und kulinarische Genüsse. Ich finde es toll, dass es nicht in blumigen Beschreibungen untergeht, sondern mit der Handlung einhergeht. Die letzten 100 Seiten hatten es übrigens nochmal in sich. Ich habe gelacht und mitgefiebert, aber auch gedacht, wie man nur auf so geniale Ideen für Situationen kommen kann. Gerade die älteren Protagonisten in dieser Geschichte haben gehörig Pfeffer im Hintern.

Fazit:

Lesen, einfach lesen. Ein Sommerroman mit tollen Settings, tiefen Gefühlen zu verschiedenen Zeiten, mit markanten und doch liebenswerten Protagonisten. Zum Genießen, aber auch zum Durchsuchten. Empfehlenswert.

5 von 5 Pfoten

Sind euch viele Charaktere und verschiedene Zeitebenen manchmal zu viel des Guten oder genau die richtige Abwechslung?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

*Das Rezensionsexemplar wurde mir kostenfrei vom Verlag zugesandt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.

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