Blick ins Buch – „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ von Jeanette Winterson – Ich habe es mir einfach anders vorgestellt

Guten Abend meine Lieben,

da war die Buchmesse schon wieder vorbei! Ok, kleiner Witz am Rande, vielleicht etwas geschmacklos oder gar bitter. Ich habe das Beste aus dem ursprünglichen Buchmesseurlaub gemacht und zumindest einem Tag richtig schön den SUB gesteigert und eine Pop up Buchmesse besucht. Dabei natürlich die Blogger- Friends getroffen, so dass sich ein uns sehr vertrautes wohliges Bubblegefühl einstellte. Schön wars. Dafür blieb der Blog für mich liegen, denn mit Besuch über einige Tage verbringe ich die Zeit dann doch anders. Mir geht es auf jeden Fall gut. Denkt also immer daran, euch eine Auszeit zu gönnen und schiebt sie nicht zu lange raus.

Jetzt setze ich mich endlich an eine Rezension, die ich bereits Wochen vor mich hin schiebe.

Wo ist denn der blöde rote Faden? Ich sehe auch keine Message

Die #readingclassics – Gruppe wählte zu Beginn 2022 aus 5 Büchern, die in ihrem Inhalt LGBTQ – Themen ansprachen, den 1985 erstmals erschienen Titel „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ aus. Der Klappentext versprach eine Story über Selbstfindung, Rebellion und Liebe. Normalerweise bin ich kein Fan davon die Inhaltsangaben der Verlage zu nutzen, aber hier werde ich dem nachkommen, weil sonst nicht komplett verständlich wird mit welchen Vorstellungen ich heran gegangen bin:

Die temperamentvolle Jeanette wächst als Adoptivkind bei fanatischen Mitgliedern der Pfingstbewegung auf. Für ihre Stiefmutter ist sie eine »Auserwählte«, die mit ihr gegen die sündige Welt kämpft und eine Missionarin für die Kirche werden soll. Doch Jeanette erfährt einen unerwarteten Sinneswandel, als sie sich mit sechzehn in eine junge Frau verliebt. Von ihrer Gemeinde und ihrer Stiefmutter für diese Liebe geächtet und zunehmend unsicher, warum der Glaube über dem Verlangen stehen sollte, verlässt sie schließlich ihr Elternhaus und die Kirche, um selbstbestimmt ihr Glück zu finden. (Quelle: Kein & Aber AG Zürich – Berlin, Taschenbuchausgabe, Auflage aus 2019)

Die Inhaltsangabe verrät im Groben bereits den Ausgang der Geschichte, allerdings entspricht die Aussage, dass die Protagonistin ihr altes Leben hinter sich lässt, um „selbstbestimmt ihr Glück zu finden“, nicht meinem Bild. Ich nehme es einmal vorweg: Sie wird unfreiwillig hinausgeworfen und damit zu ihrem Glück gezwungen. Außerdem interpretierte ich (und auch meine Lesegruppenbuddies) den Titel so, dass nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau existiert, denn schließlich existieren noch andere Früchte. Jedoch ist der Titel darauf überhaupt nicht bezogen und das war wirklich enttäuschend als ich die „richtige“ Antwort bekam.

Das die Autorin Talent für das Schreiben an sich besitzt, stelle ich nicht infrage. Ihre gedanklichen Ansätze gefielen mir. Beispielsweise beginnt eine Einleitung eines Abschnittes damit, auszumalen, dass jede Person das Recht darauf hat, die eigene so zu erzählen wie sie möchte. Schließlich beginnt es mit einer subjektiven, eigenen Wahrnehmung. Ihre Beschreibungen treffen den Punkt und können kaum mit eigenen Worten so wiederholt werden. Das Problem ist einfach, dass diese gar philosophischen Ansätze aus dem Nichts heraus entspringen und für die Fortführung der Handlung keine Relevanz haben. Sie arbeitet sogar anteilig die Geschichte um den heiligen Gral ein. Wunderschön erzählt, nur habe ich den Zusammenhang zu Jeanette nicht verstanden. Es geistern dahingehend nach wie vor viele Fragezeichen in meinem Kopf herum. Wenn ich die Muse dazu hätte, würde ich eine Interpretation des Werkes lesen. Allerdings weist die Autorin im Nachwort darauf hin, dass sie sich selbst als fiktiven Charakter verwendete – als ein erweitertes Ich – und sie sich definitiv nicht in irgendeine Schublade stecken lassen möchte, genauso wenig wie ihre Bücher. Tja, dann sollte man den Teaser echt anders aufbauen.

Die Handlung selbst lebt von Lebensabschnitten, die mir Jeanettes Ich-Perspektive erzählt. Es wird sehr viel zwischen Ereignissen und Situationen hin- und her gesprungen, teilweise weichen sie sogar von der Chronologie der Ereignisse ab. Es war manchmal schwierig herauszufinden, wie alt Jeanette war, denn wir sprechen von einer Zeitspanne beginnend vom Kindesalter bis zur jungen Frau. Ich gebe offen zu, ich mochte sie nicht besonders. Zu Beginn dachte ich noch, dass sie einfach nur sehr unter den engstirnigen, religiös fanatischen Ansichten ihrer Mutter leidet. Sie wusste als Kind sehr genau, dass sie sich noch leisten kann Fragen zu stellen oder Dinge anders auszulegen. Sie besaß ihre eigenen Ideen und entwickelte Überzeugungen, die über die Theorien ihres Glaubens hinaus gingen. Ich dachte einfach, das wird die Ausgangssituation sein und später wird sie ausbrechen. Tatsächlich zeigte mir die Autorin diese rosarote Vorstellung nicht und inzwischen denke ich, dass das wohl mehr der Realität entspricht als ich es mir wünschte. Jeanette behält ihre Naivität, bleibt folgsam und versteckt ihr wahres Ich sogar vor sich selbst. Sie redet sich das gefühlt einfach nur schön und das ihr ganzes Leben lang. Mein Verständnis hielt nicht lange an, vor allem nicht bei dieser Adoptivmutter. Ihr Charakter blieb mir bis jetzt haarscharf im Gedächtnis. Nicht nur die Strenge, nein, der irrsinnige Glaube, für mich Aberglaube, bleibt eine unbegreifliche Angelegenheit. Egal, was sie tat, das ging mir unangenehm unter die Haut. Interessanterweise blieben, mal abgesehen von ihr und Jeanette, so viele andere Figuren blass. Obwohl diese mehrfach in den verschiedenen Lebensphasen erwähnt wurden, vergaß ich sie immer wieder und überlegte, wo die Person schon einmal angesprochen wurde. Das ist schade, denn jede hätte sicherlich ihren eigenen Reiz gehabt.

Am Ende saß ich vor dem zugeschlagenen Buch und habe mich wirklich gefragt, was mir die Geschichte vermitteln sollte. Ich habe mich durch Lebensabschnitte einer Protagonistin gelesen, die wiederum auf dem Leben der Autorin „basieren“, aber autobiografisch ist es nicht. Hoffnung macht das Buch ebenso wenig, weil die Protagonistin nicht freiwillig für sich kämpft, zumindest für mich nicht offensichtlich genug. Eingewoben wurden Märchen und Sagen ohne erkennbaren Zusammenhang.

Ich frage euch also, was mache ich damit? Eine Empfehlung spreche ich jedenfalls nicht aus. Ich fühle mich weder berührt, noch belehrt, habe mein Wissen nicht erweitert. Ich habe vermutlich die Autorin etwas besser kennengelernt. Knackpunkt dabei ist, ich weiß nicht, was wahr und was fiktiv ausgestaltet wurde. Jedoch beschäftigte mich das Buch schon nachhaltig, sonst würdet ihr diese Worte nicht viele Wochen nach dem Lesen von mir bekommen. Schon ein merkwürdiges Ding.

Liebe Grüße Tina (& Leo)

2 Kommentare

  1. Liebe Tina,

    das Buch ist mir nun schon mehrmals ins Auge gesprungen. Einerseits interessiert es mich, weil ich es immer spannend finde, wie andere Menschen ticken (Pfingsbewegung), auf der anderen Seite lässt mich irgendwas zögern.
    Deine Rezension macht mich allerdings wieder eher neugierig, mich vielleicht erstmal noch mit anderen Rezensionen zu beschäftigen. (Wobei ich momentan keine realistischen Bücher lesen mag.)
    Das mit dem Titel ist sehr schade, den hatte ich auch so interpretiert. Und es ist natürlich immer ärgerlich, wenn der Verlag einen Klappentext rausgibt, der nicht mit dem Inhalt identisch ist.

    Liebe Grüße
    Petrissa

    1. Hallöchen Petrissa,

      schön, dass ich dich mit der Rezi neugierig mache. Ich muss grad mit den Kopf schütteln, dieses Buch ist echt eine Challenge für mich gewesen.
      Ich bin froh, dass du den Titel auch so assoziiert hast.

      Liebe Grüße
      Tina

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