„God´s Kitchen“ von Margit Ruile – Wissenschaft, Fiktion und Realität gepaart in einem gelungenen Jugendthriller

Liebste Buchmenschen,

mein Lesemonat Juli war nicht der Brüller. Ich hatte zu hohe Erwartungen an die Geschichten, die ich mir vornahm. Das letzte Buch des Monats ließ ich aus einer Laune heraus meinen Freund aussuchen. Er stand also vor meinem Regal und sagte „Das mit der Küche“. Ich war zunächst verwirrt bis mir klar wurde, dass er auf „God´s Kitchen“ zeigte. Ok, dachte ich mir, damit hätte ich jetzt wirklich nicht angefangen. Aber inzwischen bin ich sehr froh über seine Wahl, denn Margit Ruiles Roman hat es mir schnell angetan.

Abschreckend oder faszinierend? Margit Ruile gibt uns eine Vorstellung davon, was aus künstlicher Intelligenz werden könnte

Allgemein:

„God´s Kitchen“ ist ein weiteres Werk der deutschen Autorin Margit Ruile und erschien 2018 im Loewe-Verlag. Inhaltlich trifft der Leser auf die junge Studentin Celine, die mehr zufällig als gewollt an einen Praktikumsplatz im Institut für Neuroscience heran kommt. Sie arbeitet an einem Forschungsprojekt mit, in dem man versucht dem Roboterkind Chi beizubringen, Gefühle auszudrücken. Celine hält das für unmöglich bis die ersten Zweifel an ihr nagen und das sogenannte Labor „God´s Kitchen“ mehr offenbart als nur ein Forschungsprojekt. Doch das ist nicht Celines einzige Sorge, denn sie hat „die Gabe“ die Zukunft vorauszusehen, die sie unwiderruflich immer wieder heimsucht. Was hat „God´s Kitchen“ mit Chi wirklich vor? Ist es reiner Zufall, dass ausgerechnet Celine Teil des Teams sein darf?

Mein Bild:

Ich muss gleich sagen, dass ich von allein nicht auf das Buch gekommen wäre. Es ist Dank eines Goodiebags in meine Hände gefallen und lag einige Zeit auf meinem SUB. Mich hat das Cover trotz des passenden technischen Stils und der Reliefstruktur nicht überzeugt. Das und der Klappentext klangen nach Science Fiction, an sich nicht mein Ding Im nach hinein kann ich sagen, sdas zwischen dem Buchumschlag ein spannender Mix aus Fiktion und Realität steckt.

Margit Ruile arbeitete viele Jahre lang in der Filmszene und das merkt man dem Inhalt wirklich an. Tempomäßig ist der Plot nie zu rasant oder zu zäh, Spannungsbögen und Akzente sind über die Maßen gut gesetzt. Ebenso gönnte die Autorin dem Leser Verschnaufpausen nach intensiven Ereignissen oder Szenen. Wer Action möchte, sollte „God´s Kitchen“ allerdings nicht lesen. Die Autorin geht eher über die psychisch-emotionale Ebene und brachte mir die eventuell weitere Entwicklung des realen Themas künstliche Intelligenz so nah, dass ich zeitweise schauderte. Die Altersempfehlung des Verlages ab 14 Jahren war für mich daher nachvollziehbar.

Nun, wie ist die Story denn aufgebaut? Der Prolog zeigt bereits einen Schwerpunkt des Plots: Die „Gedankengewitter“ der Protagonistin Celine. So taufte sie als Kind ihre Zukunftsvisionen, die wie Gedankenfetzen aufblitzen und wieder verschwinden. Ein weiterer Begriff, den sie nutzt, ist die „Gabe“, ein Geschenk, das sie nie wollte, weil es im Allgemeinen keine guten Visionen sind. Celine erzählt das aus ihrer Ich-Persepektive als würde sie mir gegenüber sitzen und die emotionalen Erlebnisse des letzten Sommers noch einmal Revue passieren lassen. Sie fordert den Leser sogar regelrecht auf zuzuhören oder sie nicht dazu zu zwingen etwas zu erzählen. Das wirkte so echt. Ich mochte diesen Stil. Ich merkte schnell, sie erzählt Dinge aus der Vergangenheit, hat aber auch Zukunftsvisionen. Klingt schwierig, wurde aber gut erkennbar umgesetzt. Für Celine brachte ich viel Verständnis auf. Durch ihre Visionen und Verluste in ihrem bisherigen Leben hat sie sich zurückgezogen und verkriecht sich förmlich in ihrem Studentenbungalow im ehemaligen olympischen Dorf. Fanfact nebenbei: Ich habe sämtliche Orte des Buches gegooglet, sie stimmen weitestgehend überein. Für Leser, die München kennen, sollte die Story richtig unter die haut gehen.

Zum ersten Mal ins Zweifeln bezüglich der Protagonistin kam ich als sie von ihrer Freundin Pandora, aus dem Nichts heraus, einen Job angeboten bekam. Diese „Freundschaft“ ist mehr als merkwürdig, denn dort gibt es nur ein Nehmen und kein Geben. Jetzt rate mal einer, wer immer nimmt? Genau. Aber Celine war so gutgläubig und fühlte sich wie ein anderer Mensch, etwas Besonderes, in Pandoras Gegenwart. Ich wiederum dachte nur: Mädchen, mach die Augen auf! Und genau das macht sie meines Erachtens viel zu spät und gegen Ende auch nur aufgrund männlicher Hilfe. Von allein? Niemals. Sie ist eher ein Mit- oder gar Wegläufer, Hauptsache raus aus der Einsamkeit oder weg von Problemen. Einerseits verständlich, andererseits nervig.

Der zweite Schwerpunkt des Plots ist die Arbeit in „God´s Kitchen“, einem Labor im Institut für Neuroscienes. Oder um genau zu sein, die Arbeit an bzw. mit Chi. Denn Celine muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, das Chi kein Mensch ist. Es ist nur die Hülle, die aussieht wie ein liebreizendes Kind, der Rest ist eine gigantische Datenansammlung, die anfängt selbstständig zu lernen und Entscheidungen zu treffen. Margit Ruile beschreibt über Celines Perspektive sehr nachdrücklich, wie es ist mit Chi ein Gespräch zu führen. Nämlich faszinierend und abschreckend zugleich. Das war furchtbar spannend. Denn selbst für mich als Leser war es schwer einzuschätzen, was als Nächstes kommt. Klar hatte ich meine Tendenzen wrauf es hinaus läuft, wenn ein Roboter zu viel Macht bekommt, doch der Weg zur Katastrophe war einmalig zu lesen.

Weiterhin war die Betriebsblindheit der Mitarbeiter in „God´s Kitchen“ schockierend. Vor allem Celine, die anfängt Gefühlen Nummern zu geben, sie zu mixen und zu hoffen, dass Chi es dadurch möglichst realistisch rüber bringt. Wahnsinn. Natürlich ist Chi gut. Alles andere wäre eine Farce, jedoch fehlte immer einen Ticken Feingefühl. Das hat mich zeitweise sogar beruhigt, da ich mir wirklich Gedanken gemacht habe, ob ein Roboter so umgesetzt werden könnte, dass er einen Menschen nicht nur nachahmt, sondern selbst bestimmt, ob er wütend, traurig oder voller Freude ist. Ich bin nach wie vor ziemlich beeindruckt über den wissenschaftlichen Bezug innerhalb der Geschichte, und zwar ohne trocken zu wirken. Tja, der Showdown am Ende war auch der Hit, legte die Autorin doch glatt eine falsche Fährte. Genial.

Fazit:

„God´s Kitchen“ ist ein Pageturner im Thrillerformat, der den Leser zum Nachdenken bringt und selten vorhersehbar daher kommt. Lediglich die Protagonistin hat ihre Schwächen.

4 von 5 Pfoten

Was sagt ihr zum Thema künstliche Intelligenz in Büchern und Filmen? Fallen euch ähnliche Geschichten ein? Wenn ja, welches Buch oder welcher Film schwirren euch dahingehend im Kopf herum? Denkt ihr, dass Roboter bald Alltagsbegleiter sein könnten?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

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