Blick ins Buch – „Radio Silent – Melde dich, wenn du das hörst“ von Tom Ryan – Die Message kommt rüber und die Perspektiven sind besonders

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Blick ins Buch - "Radio Silent - Melde dich, wenn du das hörst" von Tom Ryan - Die Message kommt rüber und die Perspektiven sind besonders

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Einen wunderschönen guten Abend liebste Buchgemeinde,

nach Supermond, Perseiden und einer Hitzewelle nach der anderen sind wir nun mitten im August. Die Zeit fliegt, ich habe viel gearbeitet, so dass mein Überstundenkonto ein neues Level erreicht hat. Normalerweise achte ich drauf, dass alles fein im Rahmen bleibt. Mit der Einarbeitung neuer Kolleg*innen scheine ich das allerdings über Bord geworfen zu haben. Glücklicherweise geht Freitagabend mein Jahresurlaub los. Da fällt mir ein, ich sollte mal anfangen die Reisetasche zu packen… Hm. Ok, erstmal die Rezension. Im Juni bekam ich überraschend die Zusage für das Belegexemplar zu „Radio Silent“. Wie mir das Buch gefallen hat, erfahrt ihr jetzt.

„Hört zu. Helft mit.“

S. 26 aus „Radio Silent – Melde dich, wenn du kannst“ von Tom Ryan, Magellan, 2022

Magellan ist bei mir inzwischen als innovativer und abwechslungsreicher Kinder- und Jugendbuchverlag abgespeichert. Die Themen immer aktuell, die Charaktere authentisch und an sich wurde ich nie enttäuscht. Daher waren meine Erwartungen an „Silent Radio“ doch schon hoch. Allerdings fiel keins der von mir gelesenen Bücher in die Sparte Jugendthriller. Das liegt durchaus daran, dass ich selten Thriller lese. Der Klappentext machte mich jedoch neugierig. Es geht um Dee. Sie ist die Sucherin, denn diesen Namen trägt sie als Herausgeberin des True-Crime-Podcasts „Radio Silent“. Das Besondere an ihrem Podcast: Sie stellt nicht nur Vermisstenfälle vor. Nein. Ihre Zuhörer, die sogenannten Laptopdetektive, sollen ihr bei der Lösung dieser Fälle helfen. Und das tun sie, bereitwillig. Keiner weiß, wer hinter der Sucherin steckt und Dee will es auch dabei belassen. Nur wie das Leben so spielt, wird Dee von ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit eingeholt. Ein Mädchen aus direkter Nachbarschaft wird entführt, genau 10 Jahre nachdem Dees beste Freundin Sibby das gleiche Schicksal ereilte.

Klingt Spannend? War es auch. Nur nicht durchgehend. Dafür zeigten sich andere Facetten der Geschichte. Der Autor scheint Fan von wechselnden Perspektiven zu sein. Nicht die klassische Variante mit unterschiedlichen Charakteren. Nein. Zuerst wurde mir über den Prolog der Podcast vorgestellt. Was echt cool war, weil sich das so liest, wie der Podcast sich anhören würde – ein bisschen wie ein Drehbuch. Ich kann mir das übrigens wirklich gut als Hörbuch vorstellen. Die Idee ist gelungen, der Slogan des Podcasts einprägsam und so lernte ich Dees Vorgehensweise bei verschiedenen Fällen in den gesamten USA kennen. Danach entführte mich Dees kindliche personale Perspektive in ihre Vergangenheit, die mir mit der Zeit Schritt für Schritt Sibbys Entführung zeigen wird. Tja, und dann Perspektive 3: Dees gegenwärtige Ich-Perspektive. Dieser Mix war ein Grund, warum es mir beim Lesen nie langweilig wurde.

Ich lernte die Protagonistin Dee aus dem beschaulichen Örtchen Redfield also über verschiedenen Wege kennen. Was die „Sucherin“ mir nicht zeigte, sah ich über die private Dee. Eine Einzelgängerin, die ein großes Sicherheitsbedürfnis hat, eher introvertiert, aber nicht auf den Mund gefallen ist. Sie lebt mit den Schuldgefühlen, dass sie ihre Freundin damals nicht retten konnte, obwohl sie doch selbst ein Kind war. Das tat mir leid. Sie erklärte vieles bildlich und nachvollziehbar. Ich versank aber nicht in ihren Emotionen. Das war merkwürdig, weil sie dadurch immer ein wenig Abstand zu mir als Leserin wahrte, obwohl ich doch ihre Gedanken lesen konnte. Das lag sicherlich an dem situativen Schreibstil, der sich auf die Entwicklung der Handlung konzentrierte. Es baute alles aufeinander auf. Ob es der Besuch bei der Nachbarin war oder die Fälle der Sucherin. Das gefiel mir gut.

Was mir beim Lesen ziemlich auf die Nase gedrückt wurde, ist die offene, freundliche, diverse, moderne Gesellschaft, wie sie doch sein sollte. Insbesondere die Lösung klassischen Rollenverteilungen zu entschlüpfen. Versteht mich nicht falsch. Das Leben in all seinen Farben gehört dazu, doch bitte rückt es nicht in den Vordergrund. Es soll dazugehören, mittendrin sein, nicht herausstechen. Zumindest nicht als Thema in diesem Buch. Mir muss niemand den Vater als übertriebenen Hausmann und Vater vorstellen, der sich im Café mit anderen hippen Vätern trifft, während die Mutter ihr voll wichtiges Business schmeißt. Interessanterweise wurden Feminismus und queere Liebesdinge sensibler behandelt – warum ging das nicht überall so?

Die Nebencharaktere machten es oftmals wieder gut. Dialoge mit diesen Personen begrüßte ich in jeden Augenblick. Offene Kommunikation ist eben etwas Tolles. Burke, Dees bester Freund, den sie als Welpen beschreibt und das Herz am richtigen Platz hat. Er weist Dee auch mal in die Schranken oder weitet ihren Blickwinkel. Was mir nicht gefiel, war seine offensichtliche „Kifferei“. Ich weiß auch nicht, wieso der Autor das eingebaut hat. Jugendklischee? Weiterhin gefiel mir Sarah, dass neue Nachbarsmädchen mit dem Oldtimer. Tatsächlich dachte ich am Anfang, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmen kann, weil sie Dee sooo unterstützt. Das schien mir zu schnell zu gehen. Genauso wie die Entwicklung der Richtung, in die die Protagonistin geht. Erst baut sich Seite für Seite ihr ganzer emotionaler Ballast auf, um ihn dann nach ein bis zwei Geschehnissen fallen zu lassen? Der Aktionismus passte meines Erachtens gar nicht zu ihr. Zumindest nicht in dieser kurzen Zeit. Ich denke, das Vorantreiben der Handlung stand damit eher im Hintergrund.

Neben Traumabewältigung und Aktionismus zogen sich noch mehr Themen, die mit einer Kindesentführung einhergehen, durch das Buch. Das Finden von Verdächtigen, der Bezug zu älteren Fällen, der Medienrummel und die Verunsicherung der Menschen im Ort. Für mich ist das ein vorhersehbares Schema, das höchstens durch eine abweichende Auflösung für Überraschung gesorgt hätte. Nun kramte der Autor trotzdem in der Klischeekiste für Thriller. Sowohl in Sibbys Entführung als auch in der des gegenwärtig entführten Nachbarsmädchen. Mein Gedanke war „Den Film kenn ich und den anderen auch“. Das war schon schräg, ließ sich dennoch super lesen. Die Spannung baute sich aus der Frage heraus auf, ob ich mit dieser und jener Vermutung recht hatte.

Ich musste mich weder vor Nervenkitzel unter meiner Decke verstecken, noch groß rätseln. Das Buch empfehle ich dennoch, weil es unterhält, Facetten mit True-Crime-Touch aufzeigt keine Langeweile, mit den Menschen aus Redfield aufkommt und die Message mitbringt, dass jeder auf seine Weise helfen kann. „Silent Radio – Melde dich, wenn du das hörst“ ist einfach ein Jugendthriller und dementsprechend passend für das Genre gestaltet.

Liebe Grüße Tina (& Leo)

*Das Buch wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meinung bleibt davon unberührt.

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2 Replies to “Blick ins Buch – „Radio Silent – Melde dich, wenn du das hörst“ von Tom Ryan – Die Message kommt rüber und die Perspektiven sind besonders”

  1. Hallo Tina,
    das klingt ziemlich gut und ist genau das, was ich gerne lese oder höre. Leider gibt es (noch) kein Hörbuch davon, sonst hätte ich wohl schnell zugegriffen. Ich werde das Buch mal im Auge behalten, vielleicht wird es noch vertont.
    Danke auf jeden Fall für’s Appetit-machen.
    Liebe Grüße
    Gabi

    1. Hallöchen Gabi,
      ich hab während des Schreibens der Rezension auch an dich gedacht, weil du ja neugierig darauf warst.
      Ich hoffe, der Verlag macht ein Hörbuch draus. Bisher wurden aber nur wenige Bücher aus den Programmen vertont…

      Liebe Grüße
      Tina

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