„Acht Wochen Wüste“ von Wendelin van Draanen – Stur & rotzig ins Survivalcamp

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Guten Abend meine Lieben,

ich habe fertig, ich habe die alte Wohnung gestrichen und gesäubert. Nach mir die Sintflut, entweder man nimmt mir die Wohnung so ab oder ich eskaliere kurz. Nein, das wird schon glatt gehen. Jedenfalls liege ich mit Diego im Sonntagskoma auf der Couch, stöbere ein wenig auf Blogs und habe nun Lust euch ein Buch vorzustellen, das schon ein kleines Jahreshighlight sein könnte…

Manchmal findet man sich selbst erst wieder, wenn einem alles genommen wurde

Allgemein:

Der Magellanverlag veröffentlichte im Sommer 2019 einen Jugendroman der amerikanischen Autorin Gwendolin van Draanen. Die Autorin ist keine Unbekannte – ihre Bücher wurden unter anderem mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet. In „Acht Wochen Wüste“ (englischer Titel „Wild Bird“) wird die 14-jährige Wren eines nachts aus dem Schlaf gerissen und wortwörtlich entführt. Schnell ist klar, das ist kein Spaß, denn ihre Eltern schicken sie in eine Art Survivalcamp mitten in der Wüste von Utah. Wren versteht die Welt nicht mehr. Was kann sie dafür, dass ihre Familie nicht mehr mit ihr klar kommt? Dreck, Hitze, eine Plane zum Zelten, ein Loch als Toilette, Wren ist in einem wahren Alptraum gelandet und muss sich nun mit ihrer Vergangenheit und den damit verbundenen Gefühlen auseinander setzen.

Mein Bild:

(Bevor ich beginne, möchte ich mitteilen, dass ich mir unklar darüber bin, ob man dem Buch nicht lieber eine Triggerwarnung geben sollte, da Themen wie Drogenmissbrauch, körperlicher Missbrauch und Suizid angeschnitten werden. Allerdings bin ich kein Sensitivity-Reader, das sei angemerkt.)

Schon bei der Vorschau zum Buch fiel mir eine TV-Dokumentation ein, die ich gesehen hatte. Aufsässige Jugendliche, die in ein Bootcamp gebracht werden, in der Hoffnung, dass sie über alle Widrigkeiten hinaus zur Vernunft kommen. Mir sind solche schonungslosen Camps nur aus Amerika bekannt. Doch wie lässt sich so eine Situation gelungen in einem Buch umsetzen? Ich war sowas von gespannt.

Über 330 Seiten rosarotes Hardcover sollten mir die Frage beantworten. Ich finde das rauhe Papiermaterial des Covers übrigens genial, es passt thematisch perfekt dazu. Nur die Farbe rosa. Weil die Protagonistin ein Mädchen ist oder wie? Ein schönes Wüstengelb ist doch auch eine Variante.

Die ersten Seiten begannen ziemlich dramatisch. Die 14-Jährige Wren wird mitten in der Nacht aus dem Bett geholt. Aus ihrer noch halb zugedröhnten Ich-Perspektive heraus, nahm ich genug Einzelheiten wahr, um zu sehen, dass diese Familie nicht glücklich ist. So viel zum Einstieg. Jede Situation ist wirklich auf den Punkt beschrieben, dass ich mich wunderbar (wenn auch manchmal ungewollt) in die komplette Geschichte hineinversetzen konnte. Ich war Wren: Rotzig, pampig, rebellisch. Ich habe mir eine Mauer gebaut und verletzte jeden. Bis ich „verschleppt“ werde und die Welt zusammenbricht.

Deswegen verstand ich Wren, verurteilte sie nicht, obwohl sie für mich ein unsympathisches Kaliber war. Aber jede Widrigkeit nervt, alles tut weh, das Leben im Camp ist die absolute Hölle und das wortwörtlich. Zudem erfuhr ich anhand ihrer Erinnerungen, was die Ursache für ihre Wut und damit ihres Verhalten war. An sich ist es, meines Erachtens, eine typische Ausgangssituation, die ihr Leben durcheinander gebracht hat. Nichts Neues, daher bin ich dankbar dafür, dass das Buch nicht damit begonnen hat, sondern lediglich Zwischenabschnitte eingefügt wurden, um Wrens steinigen Weg kennenzulernen.

Wendelin van Draanen hat einwandfrei recherchiert und wenn ich die Danksagung richtig verstanden habe, dann hat sie sogar mit Beteiligten aus einem Camp gesprochen. Ich spürte beim Lesen tatsächlich die Hitze, den Durst, das Gefühl keine Privatsphäre zu haben und doch einsam zu sein. Abgewechselt von den schönen Dingen, die einem nur die Natur und der eigene Wille liefern kann: Das Erkennen des sternenklaren Himmels, Feuer selbst entfachen, über seinen Schatten zu springen, wie widerwärtig es auch sein mag.

Von Kapitel zu Kapitel erarbeitet sich Wren eine Erkenntnis nach der anderen, sieht in sich hinein und lässt die Mauer bröckeln. Das ist sogar an Wrens Ich-Perspektive erkennbar: Am Anfang noch lückenhaft und hart wird die Erzählung später weicher und tiefgreifender. Wer es als Autor/Autorin schafft, den Schreibstil so geschmeidig in eine andere Ebene zu führen, hat es wirklich drauf.

Neben Wren existieren natürlich weitere Protagonisten im Camp. Ich konnte mir jeden supergut vorstellen, egal ob Wren die Person zeitweise mit bösartigen Worten beschrieb oder nicht. Die Betreuer, die Therapeutin, Wrens Leidensgenossinnen (die Kojoten-Gruppe), selbst der „Sträfling“, der aus seinen Fehlern nicht lernen wollte, ich kaufte ihnen alles ab. Das Leben hat sie geformt, nicht die Autorin, zumindest kam es mir so vor.

Das Ende, das ich mir für Wren und alle Nebendarsteller gewünscht habe, ließ mich ein Tränchen weinen (oder auch zwei).

Fazit:

Für alle, die mit Wren den steinigen Wüstenweg gehen wollen. Ein gnadenloses Abenteuer, dass der Protagonistin aufgezwungen wird, um sich selbst zu finden. Authentisch, realistisch und hautnah. Ein Jugendbuch, das sich der Gegenwart bewusst ist.

5 von 5 Pfoten

8 Wochen Wüste unter freien Himmel, mit einer kargen Survivalausrüstung, kein Handy, wenig Nahrung und Wasser. Wie würde es euch dabei gehen?

Liebe Grüße Tina (& Diego)

*Das Leseexemplar wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meinung wurde davon nicht beeinflusst.

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